Einsteigen und hinsetzen – Heute fahren wir Bus!

von am Montag, 23 März 2015
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Werfen Sie, liebe Leserinnen und Leser, doch mal einen Blick aus den blankgeputzten Panoramafenstern der DATEV. Und? Was sehen Sie? Steht es dort und glänzt in der Mittagssonne – Ihr heißgeliebtes Auto? BMW, Audi, VW oder doch ein ausländisches Fabrikat? Mit Sicherheit haben Sie das Objekt der Begierde morgens liebevoll auf unserem DATEV-Parkplatz abgestellt, oder? Nun muss ich Ihnen leider eine für Sie bedauerliche Mitteilung machen: Autofahren ist nicht mehr angesagt! Ich fahre Bus. Jeden Tag und mit Leidenschaft. Ich gebe zu, dass meine Passion für das Busfahren unter anderem auch damit zu tun hat, dass ich ganze vier Anläufe gebraucht habe, um meinen Führerschein zu machen. Und ehrlich gesagt habe ich ihn dem Mann vom TÜV nach dem vierten Versuch auch nahezu aus der Hand gerissen. Ich war einfach der Meinung, mehr als vier Versuche sollte man dann doch nicht brauchen. Die ganze Sache war mir nämlich auch so schon peinlich genug.

BusMit meinem Führerschein in der Hand habe ich anschließend mit dem Dreier-Golf meiner Mutter einen Pakt geschlossen: Zum Wohle der Allgemeinheit und vor allem der Gesundheit meiner Mitbürger überlasse ich das Autofahren lieber Menschen, die etwas davon verstehen. Im Prinzip macht mir das Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nämlich gar nichts aus – wissen Sie, wie spannend es ist, jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit zu fahren? Zugegebenermaßen, ich bin recht lange unterwegs. Von Stadeln bis zur DATEV brauche ich geschlagene 55 Minuten. Das macht aber nichts. Warum? Fahren Sie doch mal eine Woche mit mir Bus.

Montag
Eine neue Woche! Montags gibt es ein ungeschriebenes Busfahrgesetz: Klappe halten, hinsetzen! Es genügt völlig, dem Busfahrer beim Einsteigen ein verschlafenes Lächeln zu schenken. Denn bei einer Sache können Sie sich vollkommen sicher sein: Auch er wünscht sich zurück in sein Bett. Glauben Sie mir, es gibt nichts Schlimmeres, als ungeübte Busfahrgäste, die Montags voller Elan und vor allem ausgeschlafen in den Bus sprinten und dem Busfahrer ein gutgelauntes und übermotiviertes „Guten Morgen“ an den Kopf knallen. Versuchen Sie das doch mal. Ich rate Ihnen dann aber, sich möglichst weit vorne im Gefährt zu platzieren, um dem bösen und noch etwas schlaftrunkenen Blick sämtlicher Anwesender zu entgehen.

Dienstag
Heute starten wir den Tag mit einem Tipp meinerseits: Dass Sie sich aktuell im richtigen Bus befinden, können Sie, trotz Streichhölzern in den Augen, an mehreren Umständen festmachen: Es befinden sich die selben Menschen im Gefährt, wie immer. Ich für meinen Teil achte stets auf den Zeitung lesenden älteren Herren in der roten Jacke, der sich seine Brille in regelmäßigen Abständen wieder zurück auf die Nase schiebt. Ich habe wahrscheinlich schon Stunden damit zugebracht, mir zu überlegen, wohin er fährt. Mittlerweile bin ich zu dem Schluss gekommen, dass er Bibliothekar sein muss. Schließlich ist er immer top über das Weltgeschehen informiert und seine Affinität zum Printmedium kann er ja nun schließlich auch nicht abstreiten. Ich muss zugeben, wenn er nicht da ist (schließlich hat auch der gefragteste Bibliothekar mal Urlaub), fehlt er mir. Weil ich einfach nicht weiß, ob ich richtig bin.

Mittwoch
Ist Ihnen bewusst, dass viele Kindergartenkinder schon vor sieben Uhr morgens aus ihrem warmen Bett mit dem Pokemon- oder Hello-Kitty-Bezug krabbeln müssen? Wenn Sie selbst Kinder haben, lachen Sie mich jetzt vielleicht aus. Aber bevor ich bei der DATEV angefangen habe, habe ich bekanntermaßen studiert. Und in meiner rosaroten Studentenwelt reißt man Kinder nicht so sieben Uhr früh aus dem warmen Bett. Das geht doch nicht! Glauben Sie mir, ich war völlig entsetzt, als ich das erste Mal einen kleinen Wurm in voller Montur im Bus gesehen habe. Während meiner Kindheit hätte es sowas nicht gegeben. Meine Oma hat mich noch höchstpersönlich täglich gegen halb neun in die Spatzengruppe des Stadelner Kindergartens bugsiert. Meine kleine Schwester beschwert sich zwar heute noch des Öfteren, dass sie aufgrund des wackelnden Kindersitzes auf dem Fahrrad meiner Oma ein Trauma erlitten hat (ab und zu sind sie an roten Ampeln nämlich auch mal umgekippt), aber ganz ehrlich? Das waren noch Zeiten.

Donnerstag
PärchenDass sich bei der DATEV schon zahlreiche Pärchen kennen- und lieben gelernt haben, ist ja allgemein bekannt. Wussten Sie aber, dass auch im Bus zarte Bande geknüpft werden? Den Versuch beobachte ich jeden Morgen aufs Neue zwischen John-F.-Kennedy Straße und Höfener Spange. Anwärter für den Job als Flirtmeister des Tages gibt es genug. Da wäre beispielweise der junge, etwas einfältig wirkende Mann, dessen Objekt der Begierde die hübsche, schwarzhaarige Dame mit dem Nasenpiercing ist. Erspäht er sie beim Einsteigen in den Bus, sprintet er voller Elan zum nächsten freien Sitz in ihrer Nähe. Heute war der zufällig neben mir. Als er sich freudestrahlend neben mich plumpsen ließ, wurde es zwar ein wenig kuschelig, aber dafür habe ich seine amourösen Unternehmungen aus nächster Nähe verfolgen können. Ein Blick in das Gesicht der Angebeteten hat mir allerdings verraten: Der Liebesgott mit den spitzen Pfeilen hat wohl gerade anderweitig zu tun!

Freitag
MützenNa, liebe Leserinnen und Leser, finden Sie nicht auch, dass die Woche wie im Flug vergangen ist? Heute ist schon Freitag und Freitag ist natürlich der schönste Tag der Woche. Das findet sicher auch die Frau mit den tausend Strickmützen, die schon bei mir zuhause in Stadeln in den Bus einsteigt. Haben Sie schon einmal die hypnotisierend beruhigende Wirkung von bunt geringelten Strickmützen bemerkt? Diesen Winter wird ja alles selbst gestrickt. MyBoshi ist der neue Louis Vuitton. Ich sitze gern hinter der Frau mit den tausend Mützen, denn da gibt es immer was zu sehen und ich fühle mich beim Aussteigen stets bestens therapiert. Zudem kann man sich wirklich glücklich schätzen, wenn die Person auf dem Sitz vor einem keine Schuppen hat. Nicht nur im Winter heißt es dann nämlich: Leise rieselt der Schnee. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes, schneefreies Wochenende und: Fahren Sie doch mal wieder Bus!

Über den Autor

Kerstin Rockenmaier

hat im September 2014 eine Ausbildung zur Kauffrau für Dialogmarketing bei der DATEV begonnen. Vor ihrem Eintreten in die „grüne Welt“ hat sie ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert – nun darf sie bei der DATEV arbeiten (und das ist auch gut so), die Liebe zum Schreiben ist ihr aber dennoch erhalten geblieben.