Homeoffice - und abends wird der Schreibtisch zum Spieltisch

Grün sticht!

von am Mittwoch, 6 Mai 2020
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Schafkopf ist ein Kartenspiel für drei Personen. Und für einen, der die Zeche zahlt. Vermutlich ist das der Grund, warum ich hin und wieder zu Schafkopfrunden eingeladen werde. Als mit-am-Tisch-Sitzer bin ich durchaus beliebt, als Spielpartner verhasst. Denn ich neige dazu, meinen Mitspieler gemeinsam mit mir in den Abgrund zu reißen.

Nicht aus böser Absicht, sondern schlichtweg, weil mir der Ehrgeiz und die spielerisch-strategische Intelligenz für dieses sehr bayerische Spiel fehlt. Und so sehr ich doch in Bayern verhaftet und verwurzelt bin, so sehr fehlt mir doch auch das Händchen für dieses Glücksspiel, das aber durchaus strategische Momente besitzt. In einer richtig urigen Traditionsgaststätte hätte ich durch manchen unbedachten Spielzug vermutlich schon eine mittelschwere Schlägerei – in Bayern sprechen wir verharmlosend von „Rauferei“ – auslösen können. Jedoch: Durch Corona haben die gerade eh nicht geöffnet. Daher keine Keilerei, aber auch kein Bier vom Fass und keine dampfenden Knödel neben einem rustikal-deftigen Schäuferle, dem fränkischen Nationalgericht. Das man an so einem Schafkopfabend ganz nebenbei inhaliert.

Home-Office ist gerade Alltag und das Schlagwort der Stunde und wird vermutlich auch von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum „Wort des Jahres 2020“ gekürt werden – im Übrigen keine allzu kühne Prognose. Man kann gerade lockerflockig aus dem Bett heraus arbeiten, vom Sofa oder vom Schreibtisch. Ob man in der Küche sitzt oder im Grünen, das Formelle ist in den Hintergrund getreten, vielleicht sollte nur der Schlafanzug mit dem Goofy-Aufdruck bei der Videokonferenz mit den Kollegen nicht allzu präsent sein. Klingt traumhaft? Ist es irgendwie auch. Aber jede Medaille hat ja auch so ihre Kehrseite, das wissen all diejenigen, die bereits einen Pakt mit dem Teufel eingegangen sind. Home-Office hat andere Öffnungszeiten als der Büroalltag. Man könnte doch nur mal kurz die Mails checken und das auch, wenn es bereits nach 21 Uhr ist. Home-Office ist ständige Versuchung und Herausforderung an die eigene Disziplin, den Arbeitstag auch mal zu beenden und den lieben Gott einen guten Mann bzw. Arbeit Arbeit sein zu lassen.

Das Homeoffice wird zur Gastwirtschaft

Wenn man diesen Schritt geschafft hat, kann das Freizeitprogramm beginnen, das oftmals – surprise, surprise – an einem ganz ähnlichen Ort stattfindet wie der Büroalltag. Vielen Dank auch dafür nochmal, Corona. Das Home-Office wird zur Gastwirtschaft. Die weiß-blauen Girlanden an der Decke und das Hirschgeweih an der Wand denkt man sich und dann kann es schon losgehen mit dem Schafkopfabend. Nur wie, wenn alle Kumpels auch in ihren jeweiligen Behausungen festhängen und man sich nicht Auge in Auge begegnen kann? Der erste virtuelle Schafkopfabend wird also ausgerufen und man verabredet sich für den kommenden Freitagabend.

Und wie bitte soll das jetzt funktionieren? Das digitale Zeitalter macht vieles möglich. Alles, was man benötigt, ist eine Kommunikationsplattform. Um die anderen zu sehen und um die gleichen dummen Sprüche reißen zu können, die man sonst von sich geben würde, wäre man gemeinsam um einen Holztisch in einem Wirtshaus versammelt. Vor der Premiere testen wir uns durch. Skype wäre möglich, aber wir sind experimentierfreudig. Man installiert Microsoft Teams und verwirft es wieder, testet Slack und landet schließlich bei BlueJeans oder Zoom. Oder bei einer der mittlerweile frei verfügbaren Konferenzsysteme wie der von Freifunk München, einer nicht-kommerziellen Plattform aus der Landeshauptstadt. Mit einem Google Chrome Browser und einem Klick ist man auch schon drin („Das ging ja einfach“). Großes Hallo, Mensch, schön, dass es klappt. Der Kumpel, der am ehesten auf dem Land lebt, ist am Pixeligsten. Na, immer noch kein Glasfaser, wie, haha? Die Krüge hoch und prost, Männer!

Das Spiel an sich findet dann auf dem Smartphone an einem virtuellen Tisch statt. Unserem Tisch. Apps wie Sauspiel oder Schafkopf der Isar Interactive machen es für einen überschaubaren Eurobetrag möglich, dass man auch Varianten wie Wenz, Geier oder Ramsch spielen kann. Andere Freundeskreise haben mittlerweile virtuelles Kniffel, Monopoly, Schach oder Risiko für sich entdeckt. Das digitale Zeitalter macht´s möglich: Abstand wahren und sich trotzdem irgendwie nahe sein. 

Nach wenigen Spielen höre ich das erste zischende „Mensch!“, das mir gilt, eine Zurechtweisung und ein klares Indiz dafür, dass ich einen eher mäßig intelligenten Spielzug getätigt habe. Heute fühlt es sich gut an. Ein Stück Normalität ist zurückgekehrt und fast alles ist so wie immer. Die dampfenden Knödel und das Schäuferle habe ich dennoch sehr vermisst.

 

Photo by Daniela Kalwarowskyj on Unsplash

Über den Autor

Michael Öchsler

ist seit September 2019 mit an Bord bei DATEV und kümmert sich mit um die Kommunikation von HR-Themen wie Personal und Karriere. Der Kommunikationswissenschaftler hat zuvor bereits berufliche Erfahrungen im Bereich Unternehmenskommunikation und Marketing gesammelt. Seine Freizeit verbringt er am liebsten in den Alpen, wo er im Sommer Hügel erklimmt, um sie im Winter auf zwei Brettern hinab zu brettern (zwischendurch ist er auch mal hier).