Diversity Week 2019

„Wir alle sind schon mal in die Vorurteilsfalle getappt“

von am Dienstag, 19 November 2019
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Ein wacher und freundlicher Blick – und vom ersten Moment an zugewandt: Albert Kehrer, 48, ist seit zehn Jahren als Diversity-Experte und -Coach dabei, Unternehmen in Sachen „Vielfalt“ zu beraten. Alle Dimensionen von Diversity Management deckt das Portfolio des Münchner Beraters ab. Welche Strategien sollten Unternehmen einschlagen und welche Maßnahmen gilt es im Umgang mit „Diversity“ zu treffen? Albert Kehrer weist Unternehmen wie der Telekom und Bosch den Weg durch den Vielfalts-Dschungel. Im Rahmen der „Diversity Week 2019“ war Kehrer zu Gast bei DATEV.  

Ganz allgemein und im Unternehmenskontext gesprochen: Ist Vielfalt an sich gut oder ist es besser, möglichst homogen in Teams und Abteilungen aufgestellt zu sein?

Viele Studien zeigen, dass diverse Teams deutlich produktiver und effektiver sind. Verschiedene Blickwinkel und unterschiedliche Arbeitsweisen treffen aufeinander und generieren einen Mehrwert, der auch messbar ist. Es gibt Studien, dass etwa Unternehmen, bei denen Frauen mit im Vorstand sitzen, zu 30 Prozent besser performen als vergleichbare, rein männliche Unternehmen.
Generell zu sagen, dass Vielfalt besser ist, wäre aber auch falsch. Vielfalt an sich ist kein Wert. Die Kommunikation wird durch „Diversity“ komplexer, auch Führung wird anspruchsvoller. Wir neigen dazu, dass wir über unbewusste Denkmuster vor allem unseresgleichen rekrutieren. Wenn wir aus diesem Muster ausscheren und Vielfalt zulassen, ist das mit Anstrengungen verbunden, die sich in der Regel aber auszahlen.   

Als Menschen werden wir mit Stereotypen oder Vorurteilen konfrontiert und bilden selbst die Vorlage dafür. Welchen Sinn haben Stereotype überhaupt?

Unser Hirn wird täglich mit so vielen Informationen beschossen, dass wir gar nicht anders können, als Kategorien zu bilden. Wir glauben zu wissen, wie „die Frau“ ist oder „der Italiener“. Jeder von uns hat Stereotype im Kopf, auch ich bin da keinen Deut besser als alle anderen. Wichtig ist nur, dass man willens ist, sich immer wieder zu hinterfragen, zu reflektieren und sich klarzumachen, ob man sich nicht nur von rein äußerlichen Merkmalen leiten lässt. 

Wie wirken sich Vorurteile aus, also im Alltag und im Berufsleben?

Vorurteile sind einfach immer da. Wir können ihnen gar nicht entgehen. Wir sortieren aus und wollen nur mit Menschen zu tun haben, die uns sympathisch erscheinen. Im Privatleben kann man gut auswählen, da haben wir praktisch freie Auswahl. Im beruflichen Kontext ist das schon schwieriger. Man muss auch mit Leuten auskommen, die etwa aus einem anderen Kulturkreis stammen. Gerade als Führungskraft muss man sich hier permanent reflektieren und immer wieder klarmachen, ob ich eine Person aufgrund ihrer fachlichen Ebene beurteile oder ob ich mich gerade von Äußerlichkeiten leiten lasse. 

Wie kann ich erkennen, ob ich bei einer Person in die Vorurteilsfalle getappt bin? Gibt’s eine Kalibrierungsmöglichkeit?

Sie sind auf jeden Fall schon einmal in diese Falle getappt, das sind wir alle. Wie gesagt, sich immer wieder hinterfragen, woran ich etwas festmache, dass ich jemanden nett finde oder auch nicht so nett. Ein Beispiel aus dem Arbeitskontext: In Deutschland ist es üblich, sich mit einem Bewerbungsbild zu bewerben. Das führt letztlich dazu, dass sich Unternehmen oft für Bewerber entscheiden, die denen ähnlich sind, die schon als Kolleginnen und Kollegen vorhanden sind. Damit wird auch Vielfalt verhindert und die Chance, möglicherweise eine „buntere Truppe“ zusammenzustellen. 

Wie sollte man generell mit störenden Stereotypen umgehen?

Erstmal sollte man sich bewusst sein, dass man welche hat. Gestehen Sie sich ein, dass Sie nicht besser sind als andere – ich bin es auch nicht. Verlassen Sie Ihre Komfortzone des Gewohnten und gehen Sie auch offen auf Menschen zu, die vielleicht anders sind als Sie selbst. Stützen Sie sich auf Fakten und geben Sie sich nicht mit Verallgemeinerungen zufrieden, Stichwort: „der Italiener“. Hinterfragen Sie sich selbst, wie viel Annahme hinter einer Bewertung steckt und wie viele Tatsachen. Damit können Sie für sich selbst schon viel an Offenheit erreichen.

Über den Autor

Michael Öchsler

ist seit September 2019 mit an Bord bei DATEV und kümmert sich mit um die Kommunikation von HR-Themen wie Personal und Karriere. Der Kommunikationswissenschaftler hat zuvor bereits berufliche Erfahrungen im Bereich Unternehmenskommunikation und Marketing gesammelt. Seine Freizeit verbringt er am liebsten in den Alpen, wo er im Sommer Hügel erklimmt, um sie im Winter auf zwei Brettern hinab zu brettern (zwischendurch ist er auch mal hier).